rainer’s blog

Just another Fellow’s opinion…

Kompetenz versus “Digitale Demenz”

August 5th, 2012

Ein bedeckter Sommersonntag. Eigentlich ein Tag, der gemütlich und ohne Zwischenfälle vorbeifliessen sollte.

Da holt WDR2 den Ulmer Psychiater Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer vors Mikrofon. Selbiger nutzt die Gelegenheit, das Credo seines neuesten Buches wiederzukäuen: “Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen”.

Unbestritten ist, dass die ausschliessliche Nutzung eines Navigationsgerätes zur Orientierung die Fähigkeit, Karten lesen zu können oder sich wenigstens grob nach der Sonne zu orientieren, verkümmern lässt. Natürlich sollten Eltern eingreifen, wenn Kinder zu viel am Rechner spielen.

Daraus destilliert Spitzer das medientaugliche Schlagwort der “digitalen Demenz”. Aus der Tatsache, dass all die netten Geräte, die wir heute benutzen, uns auf vielen Ebenen die Arbeit erleichtern sollen, schliesst er verkürzt, dass wir die Fähigkeit dazu verlören, diese Arbeit selbst zu verrichten. Mehr noch: “Digitale Medien machen süchtig. Sie schaden langfristig dem Körper und vor allem dem Geist. (…) Bei Kindern und Jugendlichen wird durch Bildschirmmedien die Lernfähigkeit drastisch vermindert.” (Quelle: Klappentext bei einem Buchhändler im WWW)

Spitzer warnt vor “Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängsten und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialem Abstieg”. Darunter macht er es nicht. Als Konsequenz empfiehlt er “Konsumbeschränkung”.

Nun warnt Spitzer schon seit Jahren vor allen Arten von Bildschirmen. Seine Werkliste wächst mit den Verkaufszahlen, die Preise auch.

Viele der geschilderten Symptome und ihre Folgen sind erforscht und publiziert. Das ist nichts Neues. Es erinnert an das Geschrei zur Einführung des Fernsehens. Auch hier wurde, speziell für Kinder und Jugendliche, der Untergang des Abendlandes prophezeit.

Spitzer lässt jedoch völlig ausser Acht, das jedes Werkzeug nur bei bestimmungsgemässer Bedienung seine Funktion erfüllen kann – mehr noch: Je technischer das Werkzeug, desto mehr ist der Nutzer auf die Schulung in seiner Bedienung angewiesen.

Als Schlüsselerlebnis zur fachgerechten Bedienung eines Hammers mag ein blauer Daumen reichen. Die Entfaltung der Kraft eines Autos auf der Autobahn ist ohne Führerschein nicht zu empfehlen. Zur Verabreichung von Sedativa in einer Psychiatrie wird schon mehr verlangt – ungefähr das, was Spitzer seinem Namen voranstellt.

Nun leben wir alle in der seltsamen Situation, dass einerseits Computer die komplexesten Geräte darstellen, die in der Geschichte der Menschheit produziert und an Privathaushalte verkauft werden, andererseits stellen die meisten Menschen den Anspruch, dass die Bedienung dieser Computer nicht komplizierter sein darf als die einer Kaffeemaschine.

Noch witziger: Genau die Dinge, die ein Computer wunderbar automatisieren könnte, werden gerne Klick für Klick von Hand erledigt (216 Urlaubsfotos bearbeiten und hochladen – wohin auch immer), andererseits wird exakt das, wofür menschliche Intelligenz eingesetzt werden sollte, automatisiert (“Kann ich das anklicken oder ist das gefährlich?”). Nunja, es wird versucht, zu automatisieren. Man kauft einen gelben Pappkarton voll Sicherheit für ein paar €…

Die seit Bestehen der Menschheit üblichen Multiplikatoren zur Vermittlung neuer Technik (Eltern, Lehrer, Handwerksmeister, Dozenten, etc.) versagen immer noch fast vollständig, wenn sie mit Dingen wie “Internet” oder “Computer” konfrontiert werden. Besonders Politiker blamieren sich gerne systematisch, wollen aber die Rahmenbedingungen diktieren. Was dabei rauskommt, ist vermutlich in Spitzers Sinne.

Hätte sich Spitzer auf dieser Ebene kluge Gedanken gemacht, läge die Empfehlung, sein Buch zu lesen, nahe. Er verzichtet darauf. Schlimmer: Er reduziert die Nutzung des Computers auf “Google, Facebook und Co”.

Wenn Spitzer zu diesem komplexen Problem nicht mehr einfällt als die Empfehlung zur quantitativen Beschränkung des Symptoms, bleibt nur zu hoffen, dass seine Dissertationen und seine Habilitation eine bessere Qualität aufweisen.

Was wir brauchen, ist die Vermittlung von Kompetenz durch kompetente Multiplikatoren. Kinder ahmen Erwachsene nach. Wenn sich für die Eltern die Nutzung des Internets auf 140-Zeichen-Nachrichten beschränkt, werden die Kinder von ihnen nicht der Fertigkeit zur Exegese erlernen.

Wo sich die (Volkshoch-)Schule auf Produktschulungen im Sinne des Marktführers beschränkt, wird nicht vermittelt werden können, was eine Tabellenkalkulation eigentlich ist und wie sie arbeitet.

Wer nicht merkt, was auf seinem Rechner passiert, und was er schon in die “Cloud” ausgelagert hat, wird nie verstehen, was Datenhaltung ist.

Wer an der Universität nur die Spitzersche Rezeption von Facebook hört, wird nie verstehen, dass das Internet mehr ist als das WWW.

Wer, wie Spitzer, die Nutzung des Netzes auf “Konsum” reduziert, wird nie lernen, dass im Netz die Grenzen zwischen “Konsum” und “Produktion” verschwimmen.

Wem als Kaufkriterium für digitale Geräte Design und angebissenes Obst wichtig sind, kann jungen Menschen niemals den Unterschied zwischen Fremdbestimmung und Selbstbestimmung erklären. Michael Stehmann formuliert drastischer: “Lerne programmieren oder werde programmiert.”

(Nebenbei: Wenn ich Google bemühen muss, um Michaels Blog hier zu finden, haben ganz andere Leute etwas ganz Anderes nicht verstanden. Nein, das interne Suchmaschinchen kennt ihn nicht.)

Wenn Eltern und Lehrer den falschen Eindruck, den die bunte Werbung der Mobilfunker vermittelt, man könne mit ihren Geräten und Tarifen ganz toll diesen und jenen Dienst nutzen (aber von mehr ist nie die Rede), nicht korrigieren können, dann dürfen sie nicht beschweren, dass die Kinder auch nur diese Dienste nutzen.

Solange die Kinder den Eltern “das Internet” zeigen, solange der zum Informatik-Unterricht verurteilte Lehrer seine Aufgabe dem begabtesten Schüler überlässt, dreht sich die Welt falschherum.

All dies und noch viel mehr ist Kindern vermittelbar, wenn man dies denn wollte. Ja, am Computer. Wichtiger ist, dass es endlich vermittelt werden muss. Sonst könnte Spitzer mit seinen Weltuntergangsszenarien Recht bekommen. Wir haben beim Medium Fernsehen gesehen, was passiert, wenn die Vermittlung von Medienkompetenz vernachlaessigt wird.

Dazu brauchen wir fähige Politiker und Lehrende. Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer brauchen wir nicht. Wer seinen populistischen Thesen zustimmt, steht erst am Anfang eines Lernprozesses. Er wird sich auf ewig mit Symptomen beschäftigen, aber die Ursachen nie verstehen.

Wem zum Thema Computer und Internet nicht mehr einfällt als “Wo muss ich jetzt klicken?”, dem werden Spitzers Bücher gut gefallen.

Da Spitzer nicht zum ersten Mal mit solchen Plattitüden auffällt, seien dem geneigten Leser einige Kritiken seines populistischen Wirkens empfohlen:

Liebe Neelie

January 3rd, 2012

Ich muss gestehen, dass ich seit Jahren ein Fan von Dir bin. Selten ist es jemandem gelungen, sich in der Brüsseler Schlangengrube bis auf den Posten eines Kommissars durchzuwühlen, ohne sein Rückgrat zu verbiegen.

Staunend beobachtete ich, wie die niederländische Auffassung von Freiheit und Bürgerrechten — in bester Tradition eines Erasmus von Rotterdam — den respektlosen Kampf gegen Bürokratie und Lobbyismus aufnahm. Du nahmst “Verbraucherschutz” wörtlich. Bei uns bedeutet es eher, die Firmen vor den Verbrauchern zu schützen.

Der Mobilfunkbranche deckeltest Du die freche Gewinnmaximierung bei internationalen Telefonaten, beim Datenverkehr willst Du gerade Gleiches tun. Deine hervorragende Rede zum Urheberrecht neulich wurde von der Politik ignoriert, fand aber im Netz grosse Beachtung und Zustimmung.

In den Niederungen deutscher Klientelpolitik und ihrer beratungsresistenten Funktionäre gelang es uns Netzbürgern immerhin, kräftig beim scheibchenweise inszenierten Abgang eines Paradebeispiels von Blendertum und Lügerei nachzuhelfen. Das erwischte Subjekt drehte und wandte sich, inszenierte sich im Parlament als überfordertes Opfer und spielte grosses Kino vor laufenden Kameras — es half nichts, er musste gehen. Vorher war noch der Doktorhut an der Garderobe abzugeben.

Schmollend verzog er sich in die USA, wo er weiterhin als “angesehener Staatsmann” gehandelt wird. Nunja, wer’s braucht…

Aus seiner Heimatprovinz, wo manche ihn noch mit “Baron” anreden, war ein wenig Wehklagen zu vernehmen, aber das war’s auch schon. Ich betrachtete die Angelegenheit als erledigt.

Und dann, liebe Neelie, holst Du ihn nach Brüssel. Die Netzöffentlichkeit verblüffst Du mit Deiner Einschätzung dieses frisch entgelten Menschen. “Talentiert” sei er. Wohl wahr. Hochtalentierte Blender wie er sind selten. “Zwei Ministerien” habe er geführt. Auch richtig — und in beiden Häusern war das Aufatmen unüberhörbar, als er wieder weg war. Frag ruhig mal seine Nachfolger, wohin er eigentlich “führte”.

Wo Praktika in Zeitungsredaktionen (ohne recherchierbaren Output) als “berufliche Stationen in Frankfurt und New York” verlebenslauft werden, wo das Verwalten eigenen Vermögens zu “Verantwortung in der freien Wirtschaft” mutiert, wo nach Jahren der Schaumschlägerei den Chronisten nichts, aber auch garnichts vorliegt, was auch nur den Anschein erweckt, archivierungswürdig zu sein, da kann doch was nicht stimmen? Wie bitte…? Nein, ich meine selbstverfasste Texte, bitte oberhalb des Niveaus von Talkshows, und seien sie auch in Afghanistan inszeniert.

Wo genau hast Du die Fähigkeiten bei ihm gefunden, die wir vergeblich suchen?

Was mich aber fassungslos vor dem Bildschirm erstarren liess, war die Aufgabe, die Du, liebe Neelie, ihm zugedacht hast: “Berater der EU-Kommission zur Stützung von Internetaktivisten in autoritären Staaten”.

Bei uns gehörte er zu den Verfechtern von Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren, und nun soll er die EU darin beraten, wie man ebensolche umgeht oder bekämpft, hoffentlich abschafft? Uns Kritiker der Zensursula rückte er öffentlich in die Nähe von Pädophilen, aber jetzt soll er arabischen Bloggern helfen — genauer: helfen können? Das ist stark.

Neelie, bitte verrate es mir: Wie schaffte er es, sogar Dich um den Finger zu wickeln? Wie gelangtest Du zu der Ansicht, dass ausgerechnet dieser Mensch, der sich stets höheren — ach was: allerhöchsten Sphären verbunden fühlt, geeignet sein könnte, sich in die Niederungen der Blogosphäre nicht sehr demokratischer Staaten zu begeben, um genau die Freiheiten der Netizen zu verteidigen, die er in Deutschland bekämpfte?

Ich lerne aus dieser Geschichte: Wer Dich so vereinnahmt, scheint noch viel gefährlicher zu sein, als ich befürchtete. Du sagtest in Deiner trockenen Art: “Ich will keine Heiligen, sondern Talente.” Neelie, Du hast ein Problem: In ihm hast Du keins vom beidem bekommen. Aus dem Netz kam prompt der Witz vom Papst als EU-Sexualberater. Nunja, so weit würde ich nicht gehen — aber immerhin, der wird wenigstens von einigen Menschen als heilig angesehen.

Ich schlage Dir einen Kompromiss vor: Wenn Du ihn wirklich so toll findest, dann behalte ihn bitte auf ewig. Lass ihn auf Tagungen seine Sprechblasen aus unbekannter Quelle absondern, postiere ihn auf Pressekonferenzen neben Dir, stelle ihn dekorativ auf Sektempfängen auf. Sowas kann er, keine Frage. Sorge dafür, dass er kein Unheil anrichten kann, sich aber trotzdem wichtig fühlen darf. In solch einem Biotop fühlt er sich wohl. Aber pass auf, dass er Dir nicht die Show stiehlt!

Ja, ich weiss, wir Steuerzahler zahlen jetzt seine Reisekosten. Egal, sowas ist ein preiswertes Endlager. Das halten wir aus.

Liebe Neelie, wenn Du Deine ehemals zielsichere Menschenkenntnis wiedergefunden hast, widerstehe bitte einem Reflex: Schicke ihn bitte nicht zurück. Wir brauchen ihn nicht.

Es grüsst
Rainer, Dein treuer Fan.
Noch.

PS.: Sag mal, was willst Du eigentlich bei den “Bilderbergern”? Hast Du das wirklich nötig? Wurde da vielleicht schon die weitere Karriere Deines neuen “Beraters” abgesprochen? Sollst Du ihn da auch noch einführen?

“Wikipedia? Ist doch irrelevant…”

September 19th, 2010

Wikipedianier, Ihr habt es geschafft: Die OpenRheinRuhr ist als irrelevant gelöscht, die FrosCon nur noch eine Fussnote im Artikel über die gastgebende Hochschule.

Ihr begründet dies mit “Relevanz” – definiert und niedergelegt in den “Relevanzkriterien“. Es handelt sich um eine handliche, übersichtliche Seite mit schnell quergelesenen 74 kB reinen Textes. Das gesamte Regelwerk der englischsprachigen Wikipedia braucht weniger. Es erinnert mich daran, dass ca. 80% der weltweit verlegten Steuerfachliteratur in deutscher Sprache gedruckt wird.

Jeder Versuch, alle Imponderabilien der Welt in eine Form zu giessen, die Artikel nach “Relevanz” filtert, muss darin enden, dass das Formular schon zum Zeitpunkt der Publikation veraltet ist. Das ist Deutsche Bürokratie in höchster Vollendung.

Ist ein Artikel erst publiziert, wird Relevanz individuell begründet – durch den Leser, nicht mehr durch den Autor, schon gar nicht durch Löschadmins. Michael Stehmann: “Relevanz entsteht im Hirn des Lesers”. Relevanz ist weder messbar noch fassbar. Relevanz, wie sie von der deutschsprachigen Wikipedia als Ausschlusskriterium herangezogen wird, ist kein rationales Kriterium. Nebenbei sind diese Regeln damals als Liste von Einschlusskriterien konzipiert worden. Es sind “Relevanzkriterien”, nicht “Irrelevanzkriterien”.

Sabine Engelhardt: “Auch das, was für eine Randgruppe relevant ist, ist relevant. Wissen, das nur drei Leute interessiert, stört den Rest ja nicht.”

Karsten Gerloff: “Relevanz wird erst relevant, wenn Plattenplatz zu teuer wird.”

Deutsche Bürokratie bedeutet aber auch, ein Regelwerk in endlicher Zeit derartig komplex werden zu lassen, dass man nicht nur jede beliebige Aktion damit sowohl verhindern als auch unterstützen kann, sondern im Zweifel auch jedes Individuum von irgendetwas ausschliessen kann. Es steht nicht mehr der Sinn der Regeln, sondern nur noch die Form im Vordergrund. Ihr, liebste Wikipedianer, habt diesen Status erreicht. Ihr möget bitte nicht über mangelnde Autorenschaft klagen.

Eure Prinzipienreiterei führt zu solch herrlichen logischen Knoten wie der Tatsache, dass die Neutralität des Artikels über neutrale Standpunkte (wikipedistisch “NPOV”) umstritten ist (Ganz unten auf der Seite, Stand 2010-09-19).

Ihr argumentiert, ohne Relevanzbibel sei keine Qualität zu gewährleisten. Man möge lange diskutieren, welches Qualitätsniveau ein kollaboratives Online-Lexikon überhaupt erreichen kann und soll. Wichtiger ist, dass Qualität und Relevanz völlig unterschiedliche Aspekte sind. Hochqualitative Artikel, die alle anderen formalen Kriterien erfüllen, können hoffnungslos irrelevant sein. Umgekehrt gibt es reichlich schlechte Artikel, die formal korrekt und relevant sind.

Beispiele:

  • Urgesteine der Wikipedia wie Kurt Jansson sind irrelevant, weil der Trägerverein, dem er vorsteht, nur 500 Mitglieder hat.
  • Bauchnabelfussel dürfen ungestört ihr fröhliches Dasein in der Wikipedia geniessen.
  • An Veranstaltungen wie FroScon und OpenRheinRuhr, in der Praxis unbestritten relevant, werden die Kriterien von Grossmessen kommerzieller Messeverantalter angelegt. Die Qualität der Artikel wird zur Nebensache.
  • Mir gelingt es seit Jahren, zu Testzwecken einen praktisch hoffnungslos irrelevanten, formal 120% korrekten und relevanten Artikel zu pflegen. Seit der Einführung der “ungesichteten Änderungen” werden Änderungen nach einer gewissen Zeit übernommen, nur bei einer um den Faktor 3 falschen Zahl wird meine Korrektur nicht übernommen. Die Überprüfung der Zahl gelänge jedem, der eine Suchmaschine bedienen kann. Sie ist unzweifelhaft. (Nein. Ich verlinke den Artikel nicht. Warum wohl?)

Dienten die Relevanzkriterien wirklich der Qualität, müsste man Artikeln “Zeit zum Reifen” geben. Man könnte sie als unausgereift kennzeichnen. Man könnte so vieles machen. Vorschläge finden sich im WWW reichlich. Aber im Akkord löschen…? Michael Stehmann: “Löschen ist Bücherverbrennen im Internetzeitalter.”

Gelöschte Artikel lassen sich nicht mehr verbessern – nur noch neuschreiben. Aber doch nicht für den virtuellen Papierkorb? Mir wurde schon ein Artikel gelöscht, während ich noch nach weiteren Quellen suchte. Es war mein letzter neuer Artikel bei der deutschsprachigen Wikipedia. Seitdem bevorzuge ich die englische Version. Ich will die wenige Zeit, die ich zum Schreiben noch habe, nicht im formalistischen Irrgarten eines Vereins verbringen, der mir inzwischen erheblich zu Deutsch geworden ist.

Die vandalierenden Lösch-Admins haben einen “BILD-Zeitungs-Effekt” erzielt: Die Seite “Löschdiskussion” hat enormen Leserzulauf bekommen. Relevanter wurde sie dadurch nicht.

Einerseits meldet Ihr, dass Ihr immer weniger Autoren habt, andererseits ekelt Ihr sie weg. Selbst wenn Ihr mit all Euren Begründungen Recht haben solltet, es hilft Euch nix: Ihr sitzt in einer selbstgebastelten Abwärts-Spirale.

Warten wir ab, ob die oben genannten Veranstalter weiterhin so freundlich sind, der Wikimedia Foundation Platz für ihren Messestand zu gewähren. Bei mir bekämen sie ihn. Ganz hinten, beim Klo. Es sage niemand, das sei nicht relevant!

Krieg um Worte

September 26th, 2009

Lieber Richard!

In einem Kommentar zu einem Artikel auf netzpolitik.org batest Du darum, den Begriff “Linux” nur für den Kernel zu verwenden und “GNU/Linux” für das Betriebssystem.

Richard, Du hast Recht. Die korrekte Verwendung von Termini ist wichtig. Ja, die Welt da draussen kümmert sich oft nicht darum. Der falsche Begriff “Linux-Betriebssystem” hat sich weit verbreitet. Ja, es ist nicht fair gegenüber dem GNU-Projekt, ohne dass der Linux-Kernel sinnlos wäre. Fachlich kann und will ich Deinen Argumenten nicht widersprechen.

Leider wird der Sprachgebrauch im Alltag auch oft von anderen Kriterien als Genauigkeit bestimmt. Die Menschen da draussen reden, wie sie wollen. Hat ein Begriff, korrekt oder weniger korrekt verwendet, eine kritische Masse im alltäglichen Gebrauch erreicht, muss anerkannt werden, dass er eben so verwendet wird. Es mag falsch sein. Es mag uns nicht passen. Es hilft nichts. Er ist in der Welt, und wird er noch so falsch verwendet.

Sprache unterliegt Veränderung. Die wird aber nicht im linguistischen Elfenbeinturm standardisiert, sondern durch ihren Gebrauch. Wir sagen sehr oft “Amerika”, wenn wir eigentlich die “USA” meinen. Euer “technology” hat sich hier als “Technologie” eingebürgert, obwohl meistens “Technik(en)” (technics) gemeint ist. Viele, vor allem Politiker, reden hier viel Unsinn über das “Internet” und meinen eigentlich das “WWW”. Mich ärgert das genauso wie “Linux” statt “GNU/Linux” oder “Open Source” statt “Freie Software”.

Ich halte es nicht für zielführend, als allererstes im Gespräch mit Menschen die Begriffe zu klären. Ja, wir sollten Vorbild sein. Ja, wir sollten aufklären – auch zum richtigen Gebrauch der Termini. Aber sollten wir nicht zuerst in der Sache diskutieren und später, sozusagen nebenbei, die Worte korrigieren?

Du und ich, wir werden nicht jünger. Sollen wir auch in 20 Jahren, wenn die Welt immer noch “Linux” sagt, jeden Gesprächspartner als allererstes darauf stossen, dass das falsch ist?

Ich habe ein Bild vor Augen: In 20 Jahren sitzen wir beide, auf unsere Stöcke gestützt, auf einer Bank vor dem Altenheim bei einem guten Wein in der Abendsonne und schwärmen von den guten alten Zeiten, als “Linux” noch “GNU/Linux” war und “Open Source” noch “Freie Software” genannt wurde. Ein schönes Bild? Nein, denn unser Pfleger wird sagen: “Ist ja gut, Opas. Ich achte darauf. Morgen. Vielleicht. Richard, hier hast Du Deinen Blasentee. Und Rainer: Du weisst doch, Du darfst Dich nicht aufregen. Hast Du schon Deine Herztropfen genommen…?”

Du und ich, lieber Richard, wollen ernstgenommen werden. Heute und in 20 Jahren. Das geht nicht, wenn wir unsere Prioritäten als allgemeingültig ansehen. Oft haben unsere Gesprächspartner andere Prioritäten. Passen wir für den Verlauf eines Gesprächs die Unseren an, können wir viel leichter überzeugen.

Beim Besuch einer “Linux User Group”, mit denen ich über alles mögliche fachsimpelte, verwies ich irgendwann auch auf die korrekten Begriffe. Zwischendurch. Mittendrin. In drei Sätzen. Ergebnis: Eine Woche später stand auf den WWW-Seiten dieser Gruppe plötzlich “GNU/Linux” statt “Linux”. Na also. Geht doch!

Lieber Richard, Kriege um Worte sind nicht zu gewinnen. Von niemandem. Ich führe sie gar nicht erst. Ich überzeuge lieber. Nix für ungut!

Steve Shredder

February 5th, 2009

Heute ist Steve bei uns im Büro angekommen. Er besteht aus einem grauen, unauffälligem Kästchen im unaufdringlichen Design der 70er Jahre, mit einem halbhohen Holzkasten auf Rollen darunter, in dem vermutlich sein Output gespeichert wird. Erst habe ich mich über die Rollen gewundert. Als ich ihn an seinen Platz tragen wollte, habe ich das Wundern aufgegeben und mich über die Rollen gefreut.

Die erste Frage war offensichtlich: “Wie spricht man den eigentlich an?” Nein, ich meine nicht irgendeine Namenskonvention, sondern ich suche das Protokoll. Er hat nur eine dreipolige Schnittstelle, und die ist offensichtlich für den Input von 230 V Wechselstrom gedacht.

Die wenig geschwätzige Manpage auf totem Baum nennt keinerlei weitere Schnittstellen, keine Protokolle, gar nichts. Auch per WLAN war nichts zu entdecken, was wir nicht schon kannten. Auf dem büro-internen Server gibt es auch kein /dev/shredder oder ähnliches. /dev/null erklärte sich, obwohl naheliegend, für nicht zuständig. Was jetzt? Wie kriege ich das Gerät in das Netzwerk integriert?

Steve selbst verfügt über keinerlei Bedienpanel, lediglich ein Kippschalter mit drei Stellungen ziert seine Oberseite. Keine LEDs melden irgendwelche Zustände oder Probleme. Kein Display wartet auf die Chance, mit nervenden, kryptischen Meldungen irgendeine Art von Wartung einzufordern. Einerseits hebt sich Steve Shredder dadurch in wohltuender Weise von Kerstin Kaffeemaschine ab, andererseits hat das was von Blackbox. So will man das auch wieder nicht.

Nungut. Alles, was in irgendeiner Art gefährdet werden könnte, oder durch äussere physische Einwirkung die Verwirrung hätte steigern können, wird weit weg geräumt. Frauen und Kin… äh… Kaffeetasse und Aschenbecher zuerst.

“Steve”, drohe ich ihm, “Du kriegst jetzt Strom!” und stelle mit ausgestrecktem Arm und spitzen Fingern die Verbindung her – stets bereit, todesmutig zu flüchten. Steve zeigt sich vollkommen unbeeindruckt und reagiert weder optisch noch akustisch. Aja. Interessant. Ob das so richtig richtig war, würde sich noch herausstellen. Aber so richtig falsch konnte es jedenfalls nicht gewesen sein.

Analysieren wir die Lage: Strom hat er. Was braucht er noch? Und was macht er dann damit? Unten hängt ein Plastiksack im Holzkasten, offensichtlich bereit, Steves Output nach den Gesetzen der Schwerkraft aufzunehmen. Oben nimmt ein schmaler Schlitz fast die komplette Breite von Steve ein. Etwas breiter als DIN A4, schätze ich.

Moment mal! DIN A4? Könnte man ja mal testen… Zufällig hat der Drucker vorhin eine Grafikdatei im Binärformat ausgespuckt. Dafür hätte ich jetzt Verwendung.
Ich nehme einige Blätter Papier und führe sie mit dem gebotenen Respekt in Richtung des Schlitzes. Steve schweigt. Ich versuche, ein Blatt in den Schlitz zu stecken. Steve schweigt. Gut. Auch dieser Test war insofern ein Erfolg, dass keine Kollateralschäden zu beklagen waren.

Das einzige Bedienelement, dieser komische Kippschalter, steht auf Mitte, wo er mit “0″ bezeichnet ist. Hoffend, dass das nicht von einem Handy-Display-Designer verbrochen wurde, bezeichne ich das vorläufig als “intuitiv” und “selbsterklärend”. Vergleiche mit Kerstin Kafeemaschine verbieten sich hier. (Nebenbei: Ein Apfel ist auf dem ganzen Gerät nicht zu entdecken. Besser ist das.)

Kippen kann man diesen Schalter nach oben und unten. Pfeile in die gleichen Richtungen bestätigen dies: “Kipp mich rauf – kipp mich runter!” Nur – wofür bitte? Wieso hat dieses Device denn kein RJ45 oder sowas? Wieso kann man das nicht per telnet, http oder sonstwas ansprechen? Wie wird das denn konfiguriert?

Nach einiger Medidation und zwei Tassen Kaffee entschliesse ich mich, den Schalter nach unten zu kippen, in der Hoffnung, damit nicht das Gehäuse zu öffnen, zu entleeren, eine Alarmanlage zu aktivieren oder so.

“Brummmmmm!” sagt Steve. Ich lasse schnell wieder los. Steve verstummt.
Nach zwei Versuchen ist gewiss: Das ist kein Schalter, das ist ein Taster.
Nungut. Taster tasten und Papier in den Schlitz schlitzen produziert auch nur ein Brummen. Steve ist an dem Papier nicht interessiert. Aber das Brummen funktioniert reproduzierbar.

Ich beginne, die Tests zu dokumentieren. Man weiss ja nie…

Die letzte Chance, die ohne Werkzeug und Lötkolben noch erreichbar scheint, ist die dritte Stellung des Schalters: “Brummmmm!” Ich lasse los – Steve brummt weiter. Der Schalter verharrt in seiner Stellung. Zurück auf “0″ – Steve verstummt.

In der Dokumentation vermerke ich, dass wir hier vor einem user interface stehen, das in die eine Richtung als Taster, in die andere Richtung als Schalter fungiert, aber akustisch dieselbe Reaktion auslöst. Wer denkt sich denn sowas aus?! Das ignoriert alle bekannten und weniger bekannten Usability-Richtlinien!

Mit dem Mut der Verzweiflung schalte ich Steve auf Dauerbrummen, führe ein Blatt in den Schlitz und – Steve frisst! Er frisst es förmlich! Es routet sich selbst, in saubere, lange, schmale Streifen zerlegt, nach unten in den Plastiksack. Ich schalte das Brummen ab und staune.

Offensichtlich ist Steve ein prähistorisches Device mit binärer Bedienung. Zwei Betriebszustände, Brummen und Nichtbrummen, sind alles, was er kennt. Wie primitv! Keine Chance, das Device an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Keine Chance, weitere Features zu aktivieren. Brummen. Stille. Das ist alles, was er kann. Ein Bootvorgang ist noch nichtmal zu erkennen, geschweige denn, dass sich das System in irgendeiner Weise identifiziert. Verschlüsselte Datenhaltung? Sichere Kommunikation? Alles Fehlanzeige. Die GUI ist zu nichts kompatibel und verlangt Bedienung von Hand direkt am Gerät.

Was für eine proprietäre Insellösung! Das ist nicht nur “closed”, das ist “auf ewig kalt hartgelötet”. RMS würde hyperventilieren!

Enttäuscht schreddere ich die restlichen Blätter des missglückten Ausdrucks und überlasse Steve kopfschüttelnd seinem Schicksal im dunklen Lager.