Zum Tod von Prof. Dr. Andreas Pfitzmann

Gestern, am 23.09.2010, ist Professor Dr. Andreas Pfitzmann verstorben. Professor Pfitzmann war ein Datenschützer der ersten Stunde und einer der schärfsten Denker unserer Zeit. Im Gegensatz zu vielen anderen Security-Professoren hat er in seinen Vorlesungen nicht einfach nur Kryptographie-Algorithmen und technische Sicherheitskonzepte gelehrt. Mindestens genauso wichtig war es ihm, dass seine Studenten grundlegende (Denk-)Prinzipien, die für den Entwurf von sicheren IT-Systemen äußerst entscheidend sind und die mitunter weit über das eigentliche Gebiet der Informatik hinausreichen, verstanden haben. So legte er zum Beispiel sehr viel Wert auf das Konzept der multilateralen Sicherheit, das — vereinfacht — besagt, dass man beim Entwurf von sicheren IT-Systemen nicht nur in der Kategorie »evil guys versus good guys« denken darf, sondern dass ein größeres IT-System in der Regel Auswirkungen auf viele Akteure hat, deren unterschiedliche und sich zum Teil widersprechende Sicherheitsansprüche ausgewogen berücksichtigt werden müssen.

Professor Pfitzmann hat sich nicht nur als Techniker verstanden, sondern hatte stets auch die ethischen und gesellschaftlichen Auswirkungen seines Handelns als Wissenschaftler im Blick. Er hat sich nie vor der großen Politik gescheut und dort oft mutig unliebsame Tatsachen ausgesprochen und Missstände angeprangert.

Mit Professor Pfitzmann hatte ich als Student und als Mitkoordinator der Datenspuren 2008 zu tun und ich habe ihn als sehr faszinierende und integere Persönlichkeit kennengelernt. Er war einer meiner Lieblingsprofessoren und eines der wichtigen Vorbilder in meinem Studium. Von ihm habe ich viel gelernt und ich habe ihm immer gerne zugehört. Die Nachricht seines Todes hat mich schockiert und stimmt mich sehr traurig.

Wer mehr über Professor Pfitzmann erfahren möchte, dem sei dieses Interview mit ihm vom Juni 2010 empfohlen. Sein Vortrag »Warum brauchen wir Technik? — Zum Verhältnis von Technik und Recht« (S.131-S.135 in »20 Jahre Datenschutz — Individualismus oder Gemeinschaftssinn?«) ist in der heutigen Zeit der Netzthesenflut und des Datenschutzhypes so aktuell wie damals. Falls sich jemand tiefergehend mit Datensicherheit und Kryptographie beschäftigen möchte, ist das Vorlesungsskript »Sicherheit in Rechnernetzen: Mehrseitige Sicherheit in verteilten und durch verteilte Systeme« wärmstens als Lektüre zu empfehlen.

Andreas Pfitzmann hinterlässt eine Frau und ein noch junges Kind. Den Hinterbliebenen möchte ich mein herzliches Beileid ausdrücken. Ich wünsche ihnen viel Kraft bei der schwierigen Aufgabe, über diesen Verlust hinwegzukommen.

5 comments to Zum Tod von Prof. Dr. Andreas Pfitzmann

  • Johas

    Danke für diesen angemessenen und verdienten Nachruf. Ich bin von Andreas Pfitzmanns Tod ähnlich betroffen wie du.

  • Danke für diesen Nachruf.
    Prof. Dr. Pfitzmann war einer der Menschen, die es leider viel zu wenige gibt. Er dachte auch darüber nach welche Auswirkungen die Entwicklungen in seinem Fachgebiet auf die Gesellschaft insgesamt haben wird. Und er hat die Ergebnisse seiner Überlegungen auch in die Öffentlichkeit gebracht.
    Sehr bedauerlich, dass er so früh von uns gegangen ist.

  • Dalmas

    Vielen Dank für diesen Nachruf. Er hat es nicht verdient, so früh und so zu sterben. Er war einer der Guten…

  • Reinhard

    Er war jemand, der mir die Engstirnigkeit meines eigenen Denkens mit seiner differenzierten, klaren Sichtweise vor Augen geführt hat, ohne dabei “von oben herab” zu urteilen. Obwohl ich nur ein Semester lang eine Vorlesung bei ihm besuchte, haben sein Mut zur öffentlichen Auseinandersetzung, seine Unvoreingenommenheit, sein Sinn für Gerechtigkeit, für Menschlichkeit und vor allem seine Art zu denken mich tief bewegt. Wenn ich über seine Worte nachdenke, kommt mir ein Begriff in den Sinn: Weisheit.
    Mit Andreas Pfitzmann geht ein großes Vorbild.

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