Kein Kaffee nötig…

Ich trinke keinen Kaffee. Ich bin aber auch keine „Morgenperson“.
Wenn ich morgens aufwache, dann meist durch meinen Radiowecker. Auf
diesem läuft SWR1 Baden-Württemberg (wenn nicht mal wieder die
Unterhosengnome an der Sendereinstellung rumgespielt haben). Oft
lasse ich ihn einfach laufen und nehme mir Zeit wach zu werden. Um
kurz vor Sieben kommt dann immer etwas, was ich auf einem durch
Gebühren finanzierten Sender ja schon an sich eine Unverschämtheit
finde: Anstöße. Irgendeine verblendete Person versucht irgendeine
völlig hinkende Allegorie anzubringen, die den Zuhörer weis macht,
warum Religion (und dabei irgendwie immer nur die evangelische oder
katholische Denomination des Christentums) der Weisheit letzter
Schluss ist.

Aber Montag Morgen wurde tatsächlich der Vogel abgeschossen. Ein
katholischer „Offizieller“ gab seinen
Senf
zur so genannten „Killerspieldebatte“ (sind „Killerspiele“
eigentlich so was wie „Killerwale“?). Diesen Beitrag werde ich jetzt
mal zerpflücken.

Vor zehn Jahren massakrierten zwei Schüler der „Columbine
Highscool“ zwölf ihrer Mitschüler und einen Lehrer, ehe sie sich
selbst erschossen. Daran zu erinnern, tut weh. Umso mehr, als sich nun
diese schreckliche Blutspur über Erfurt und Emsdetten bis nach
Winnenden verlängert hat.

Naja. Wenn man den Zusammenhang dieser Taten über die Killerspiele
herstellt, dann findet sich sicher mehr. Wenn man den Zusammenhang
über die Schrecklichkeit herstellt, dann findet sich auf jeden
Fall
mehr. Und wenn man nur das grobe Ablaufprofil benutzt, dann
findet sich auch mehr. Irgendwie erscheint es mir als Kunstgriff um
den geneigten Zuhörer schon mal auf „Killerspiele“ einzustimmen…

Auch diese Amokschützen damals trugen verhängnisvolle
Bilder in ihren verwirrten Köpfen.

Das Schlüsselwort hier, auch wenn sich der Sprecher/Autor dessen
nicht bewusst zu sein scheint, ist verwirrt. Diese Menschen
waren geistig Krank oder zumindest labil. Es ist höchst tragisch,
dass das System in dem wir leben, dies nicht erkannt hat und ihnen die
Hilfe angedeihen ließ, die sie nötig gehabt hätten.

Auch sie hatten zuvor in ihrer Freizeit an ihren
Computer-Konsolen massenhaft Menschen zur Strecke
gebracht.

Nein. Taten sie nicht. Sie spielten, wenn überhaupt,
Spiele. Sprecht mir nach: Spiele. Wenn ich einen Pornofilm
schaue habe ich auch keinen Sex mit den dargestellten Menschen (oder
anderen… Dingen ;) ). Wenn ich „Die Leiden des jungen Werther“ lese,
bringe ich mich deswegen noch lange nicht gleich um (übrigens ein
Grund der damals angeführt wurde, eben jenes Buch zu verbieten…). Es
sind und bleiben Spiele. Meine fünfjährige Cousine saß schon bei mir
auf dem Schoß und half mir tatkräftig beim Doom-spielen („Da hinten is
ein Monster!“… Ich habe selten etwas so goldiges gesehen :D ). Also
nochmal: Spiele spielen und real wie in diesen Spielen handeln
sind zwei völlig unterschiedliche Dinge! Ich werde ja auch
nicht jeden Tag von Tetris-Klötzchen werfenden Vigilanten schwer
verletzt. Genau so selten sehe ich Leute mit Schnurrbärten und
Blaumann auf Pilze oder Schildkröten springen.

Nicht auszuschließen, dass dieser Kick aus Spielern echte
Killer machte.

Klar ist es das nicht. Genau so wenig wie, dass das fliegende
Spaghettimonster in Seiner Weisheit entschlossen hat, jede einzelne
dieser Taten zu veranlassen um einen zukünftigen Hitler zu töten
(Godwin be damned!). Nur baue ich auf letzterer Vermutung nicht meine
ganze „Argumentation“ auf, bin also nicht in einer argumentativen
Bringschuld.

Inzwischen weiß man, dass die US-Armee mit solchen
Gewalt-Videos ihre GI´s für den Ernstfall trimmt, um die Hemmschwellen
für gezieltes Töten abzusenken.

Oha. Hier würde in Wikipedia ein „[citation needed]“ hinter
„Inzwischen weiß man“ stehen. Aber gut, lassen wir das (und den
Deppenapostroph an „GI´s“, der nicht mal ein Apostroph ist). Ich
akzeptiere jetzt die Aussage mal als Wahr™. Dann fallen mir zwei
Probleme damit auf:

  1. Wer hat an den „Computer-Konsolen“ herumgespielt? Auf einmal
    sinds Gewalt-Videos… Also alles in einen Sack und draufgeprügelt.
    Man trifft ja offensichtlich nicht den falschen.
  2. Soldaten sind zum töten da. Ich hege keine
    Freundschaft für das Militär, aber jemanden der zum töten
    ausgebildet wird mit Keller-Daddlern zu vergleichen wird keiner
    Seite gerecht. Ob es dem Autor bewusst ist, dass aktive Teilnahme
    an Kampfeinsätzen unter Lebensgefahr nicht mit passivem Filme
    schauen oder auch aktivem Spiele spielen zu vergleichen ist? Laut
    eigener Aussage nicht…

Auf jeden Fall stürmten die beiden Jugendlichen
zielgerichtet aus ihrer virtuellen Welt hinein in die reale Welt ihrer
Schule, um dort ein verheerendes Blutbad anzurichten.

„Zielgerichtet“ impliziert, dass sie von Anfang an, dass Ziel
hatten, Spiele als Substrat für eine Ausbildung an der Waffen zu
benutzen. Wenn jemand also sein BWL-Diplom will, weil er Jahre
Monopoly gespielt hat, wie wäre wohl die Reaktion des werten
Autors?

Und dann ist da noch ein wichtiger Aspekt des Satzes, der immer
wieder unterzugehen scheint: Schule. Meine Schulzeit war klasse. Ich
habe sie bereits vermisst, als sie noch gar nicht zu Ende war. Die
Schulzeit meiner Schwester jedoch war die Hölle. Das sie daran nicht
(ganz) zerbrochen ist, oder Ihrer Wut auf rabiaterem Wege Ausdruck
verschaffte ist schon alles. Das weniger gefestigte Persönlichkeiten
daran scheitern verwundert mich gar nicht.

Soviel steht fest: Eine Gesellschaft, die die Schwächsten
nicht vor solchem Schwachsinn und sich selbst nicht vor diesen
Schwächsten schützt, hat versagt.

Es „steht fest“? Ich erinnere mich gar nicht, dass dieser Konsens
erzielt wurde und von wem? Gibt es für diese Behauptung seriöse,
wissenschaftich fundierte Quellen? Hmmm, natürlich ist
wissenschaftliches Vorgehen nicht grade die Stärke religiös geprägter
Menschen. Zumindest nicht im „großen“ Maßstab.

Und was soll die titulierung als „Schwachsinn“? Wenn es kein
besseres Argument gibt, als den Gegenüber zu beschimpfen, sollte man
sich vielleicht mal überlegen die Klappe zu halten, da außer
unbegründetem Hass nicht viel mehr vorhanden ist. Tief ein- und
ausatmen und angestrengt nachdenken, ob man nicht vielleicht doch noch
ein Argument findet.

Allein schon der Verdacht, dass Killerspiele labile
Gemüter zur Tat animieren könnten, gebietet eindringlich politisches
Handeln.

Klar. Rechtsstaatlichkeit is fürn Arsch. Allein schon der
Verdacht, dass jemand Terrorist ist, gebietet eindringlich politisches
Handeln. All das prozedere mit Abwägen von Wegen Allgemeinwohl- und
interesse, Beschneidung persönlicher Freiheit oder gar Eingriff in die
Grundgesetzlich garantierte Freiheit der Kunst is aber auch
anstrengend…
Brauch niemand, kann man also drauf verzichten. Wir
haben beschlossen, dass Killerspiele™ Böse™ sind, und das ist das.
Ende der Diskussion. Vielleicht beschließen wir das morgen auch von
anderen „anrüchigen“ Materialien. Und was genau „anrüchig“ ist
beschließen wir am besten auch ganz ohne rechtsstaatliches Vorgehen.
Pornographie, Informationen über Abtreibung, Kondome, abweichender
Glaube, undeutsches Verhalten…

Killer-Monster haben nichts im Netz und auf Festplatten zu
suchen.

Selbst wenn ich diese Meinung teilen würde, dann ist das immer noch
eine wirklich unglaublich blauäugige Haltung (man könnte sogar der
Meinung sein, das sei unheimlich dämlich, aber ich will ja niemanden
beleidigen…). Lasst uns einfach Mord verbieten, und das Problem ist
gelöst! Dann brauchen wir „Killer-Monster“ nicht zu verbieten (moment
mal, waren das nicht eben noch Gewalt-Videos… ähm Computer-Konsolen?)!
Problem gelöst! TADAA! Wie, Mord ist schon verboten?

Aber man könnte natürlich technische Maßnahmen ergreifen. Am
besten wir filtern das Internet! Ohja! Verschlüsselung müssen wir
dann natürlich verbieten (waren wir bei dem Problem nicht eben
schon?). Und dass es mit der Steganographie mathematisch nachweisbar
die Möglichkeit gibt, beliebige Information völlig unnachweisbar zu
übertragen kann ja nur bedeuten, dass wir das Internet verbieten (oder
die Steganographie…). Und tragbare Datenträger am besten auch, denn
vor dem Internet ist man ja auch an Software gekommen. Festplatten
lassen sich ausbauen, also auch verbieten, oder den Rechner im Haus
verplomben und einbetonieren (man könnte sonst ja die Rechner selbst
transportieren). Und damit nicht doch noch jemand eine Möglichkeit
findet, all die Verbote zu umgehen, zu jedem Rechner einen
Politoffizier, der über die Schulter schaut. Privatsphäre wird ja so
wie so überbewertet. Is ja aber blödsinn, denn Gewalt-Videos sind ja
auch Böse™, also am besten doch den personenbezogenen Politoffizier.
Das wird beim aufs Klo gehen oder abends im Bett heiter… Außerdem muss
ja jemand die Überwacher überwachen, also gleich zwei Politoffiziere
pro bravem Bürger.

Und das haben auch die vermeintlich Stärkeren, die das
angeblich so lässig wegstecken, gefälligst zu
akzeptieren.

Klaro. Hab auch kein Problem damit mir von der gesetzlich
vorgeschriebenen moralischen Instanz (GVMI, etabliert im „Gesetz über
die Schaffung einer Unfehlbaren Moralischen Instanz“, GüSchUMI) so was
sagen zu lassen. Diese ist ja qua definitionem Fehlerfrei und in sich
widerspruchslos. Immerhin, es wurden schwere Geschütze aufgefahren
und wir müssen das „gefälligst“ akzeptieren. Nicht irgendwie „bitte“
oder „wäre nett wenn“, nein „gefälligst“. Das zeigt ja, wie viel mehr
Recht die GVMI diesmal hat.

Sie werden diesen Verlust wohl verschmerzen.

Den Verlust über meine Vorstellung von richtig und falsch selbst
entscheiden zu können? Aber immer doch. Selber denken geht mir eh
auf den Keks. Habs viel lieber, wenn da jemand ist, der mir,
vorzugsweise bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, sagt wie ich mein
Leben zu leben habe. Und wer könnte das wohl sein? Immer dran
denken, was für einer Art von Organisation der Autor angehört…

Wann aber wird sich die Politik endlich beschämt
eingestehen, dass sie unter dem Vorwand der „Meinungsfreiheit“ die
„Medienvielfalt“ einfach in die Zügel schießen ließ, statt sie an die
Kandare zu nehmen?

Genau. Mit Scham kennt sich die organisierte Religion ja aus.
Wenn die demokratisch legitimierte Regierung also von der nicht
demokratisch legitimierten katholischen Kirche aufgefordert wird zu
Kreuze zu kriechen, wird das schon seinen Grund haben. Und der ganze
Kokolores mit der Meinungsfreiheit war der Religion schon immer ein
Dorn im Auge. Wie auch sonst, denn wer Die Eine Wahrheit für sich
beansprucht, der fürchtet nichts mehr als abweichende Meinungen.

Gewiss – man darf nicht allein Teile der Medien für die
steigende Gewaltbereitschaft verantwortlich machen.

Und welche Teile darf man nicht verantwortlich machen?
Und warum nicht?

Vielleicht hat unsere Gesellschaft generell das falsche
Programm geladen. Im „Raubtier-Kapitalismus“ unserer Tage wird jungen
Menschen doch ständig vor Augen geführt, dass nur die Abgebrühten und
Gerissenen überleben. Hyänen sind nun mal keine
Kuscheltiere.

Öhm. Okay. Ja, ne, is klar. Apellieren wir einfach mal unter
zuhilfenahme einer völlig willkürlichen Vermutung an die „Vernunft“
der Leute, ein Argument mit etwas mehr gesellschaftlichem Konsens mit
unserer Hypothese gleichzusetzen. Kann ja nur gut gehen. Jetzt fehlt
dann nur noch eine Sache…

Es wird Zeit, uns neu auf Menschlichkeit zu
besinnen.

…und da ist sie! Die implizite Gleichsetzung von Menschlichkeit
mit Religion und natürlich der völlig unzulässige Umkehrschluss, dass
alles areligiöse unmenschlich ist.

An einem so gewöhnlichen Tag wie heute entscheidet es
sich, wie wir in der Schule und am Arbeitsplatz, in Nachbarschaft und
Familie miteinander umgehen.

Tut es? Sagt wer? So viel unangebrachte Gewissheit kann einem nur
die Sicherheit geben, Die Eine Wahrheit für sich gepachtet zu haben.
Wie viele Religionen gibt es gleich noch mal?

Ob wir die offen oder heimlich geballten Fäuste auftun und
uns – wie bei der beeindruckenden Trauerfeier in Winnenden – die Hände
reichen.

Und ein letzter Apell an die Emotionalität, damit auch alles seine
Ordnung hat. Was hat denn die Beeindruckendheit der Trauerfeier in
Winnenden mit der ganzen Debatte zu tun?

Ob wir Fronten bilden oder Kreise schließen.

Leider bleibt mir gegen so was nur das Fronten bilden, weil man mit
solchen Menschen keine Kompromisse eingehen kann. Von solchen
Menschen werden nämlich immer unverschämtere Forderungen gestellt.
Diese münden dann in, objektiv betrachtet, absolut unvernünftige
Kompromisse, die man niemals akzeptiert hätte, wenn sie die
Ausgangsforderung gewesen wären.

Und warum ist kein Kaffee nötig? Na erstaunlicherweise war ich auf
180.

2 comments to Kein Kaffee nötig…

  • Salut,

    Ich bemerke, dass dir völlig entgangen ist, wieviele verwirrte Gemüte durch das auch noch illegalerweise frei kursierende Killerspiel “Minesweeper” zum Bombenlegen animiert werden.

    Vermutlich sind das Schäubles Terrorcamps.

    Tonnerre

  • smc

    Klar sind sie das. Jeder Mensch mit ein bisschen Sachverstand erkennt doch sofort, dass „Bombenspiel = Bombenleger“. Völlig logisch!

    Aber mal Ernsthaft: Leider kommt man den meisten Politikern mit nichts bei, nicht mal mit dermaßen überspitzten Argumenten. Dass sich Politikverdrossenheit immer weiter ausbreitet und viele Leute (darunter inzwischen auch ich) erst mal Böswillen unterstellen, wenn sie das Wort „Politiker“ hören, ist einfach nur traurig. Ich glaub, ich mach meinen eigenen Staat auf. Mit Blackjack und… Damen käuflicher Zuneigung…

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