rainer’s blog

Just another Fellow’s opinion…

“Wikipedia? Ist doch irrelevant…”

Wikipedianier, Ihr habt es geschafft: Die OpenRheinRuhr ist als irrelevant gelöscht, die FrosCon nur noch eine Fussnote im Artikel über die gastgebende Hochschule.

Ihr begründet dies mit “Relevanz” – definiert und niedergelegt in den “Relevanzkriterien“. Es handelt sich um eine handliche, übersichtliche Seite mit schnell quergelesenen 74 kB reinen Textes. Das gesamte Regelwerk der englischsprachigen Wikipedia braucht weniger. Es erinnert mich daran, dass ca. 80% der weltweit verlegten Steuerfachliteratur in deutscher Sprache gedruckt wird.

Jeder Versuch, alle Imponderabilien der Welt in eine Form zu giessen, die Artikel nach “Relevanz” filtert, muss darin enden, dass das Formular schon zum Zeitpunkt der Publikation veraltet ist. Das ist Deutsche Bürokratie in höchster Vollendung.

Ist ein Artikel erst publiziert, wird Relevanz individuell begründet – durch den Leser, nicht mehr durch den Autor, schon gar nicht durch Löschadmins. Michael Stehmann: “Relevanz entsteht im Hirn des Lesers”. Relevanz ist weder messbar noch fassbar. Relevanz, wie sie von der deutschsprachigen Wikipedia als Ausschlusskriterium herangezogen wird, ist kein rationales Kriterium. Nebenbei sind diese Regeln damals als Liste von Einschlusskriterien konzipiert worden. Es sind “Relevanzkriterien”, nicht “Irrelevanzkriterien”.

Sabine Engelhardt: “Auch das, was für eine Randgruppe relevant ist, ist relevant. Wissen, das nur drei Leute interessiert, stört den Rest ja nicht.”

Karsten Gerloff: “Relevanz wird erst relevant, wenn Plattenplatz zu teuer wird.”

Deutsche Bürokratie bedeutet aber auch, ein Regelwerk in endlicher Zeit derartig komplex werden zu lassen, dass man nicht nur jede beliebige Aktion damit sowohl verhindern als auch unterstützen kann, sondern im Zweifel auch jedes Individuum von irgendetwas ausschliessen kann. Es steht nicht mehr der Sinn der Regeln, sondern nur noch die Form im Vordergrund. Ihr, liebste Wikipedianer, habt diesen Status erreicht. Ihr möget bitte nicht über mangelnde Autorenschaft klagen.

Eure Prinzipienreiterei führt zu solch herrlichen logischen Knoten wie der Tatsache, dass die Neutralität des Artikels über neutrale Standpunkte (wikipedistisch “NPOV”) umstritten ist (Ganz unten auf der Seite, Stand 2010-09-19).

Ihr argumentiert, ohne Relevanzbibel sei keine Qualität zu gewährleisten. Man möge lange diskutieren, welches Qualitätsniveau ein kollaboratives Online-Lexikon überhaupt erreichen kann und soll. Wichtiger ist, dass Qualität und Relevanz völlig unterschiedliche Aspekte sind. Hochqualitative Artikel, die alle anderen formalen Kriterien erfüllen, können hoffnungslos irrelevant sein. Umgekehrt gibt es reichlich schlechte Artikel, die formal korrekt und relevant sind.

Beispiele:

  • Urgesteine der Wikipedia wie Kurt Jansson sind irrelevant, weil der Trägerverein, dem er vorsteht, nur 500 Mitglieder hat.
  • Bauchnabelfussel dürfen ungestört ihr fröhliches Dasein in der Wikipedia geniessen.
  • An Veranstaltungen wie FroScon und OpenRheinRuhr, in der Praxis unbestritten relevant, werden die Kriterien von Grossmessen kommerzieller Messeverantalter angelegt. Die Qualität der Artikel wird zur Nebensache.
  • Mir gelingt es seit Jahren, zu Testzwecken einen praktisch hoffnungslos irrelevanten, formal 120% korrekten und relevanten Artikel zu pflegen. Seit der Einführung der “ungesichteten Änderungen” werden Änderungen nach einer gewissen Zeit übernommen, nur bei einer um den Faktor 3 falschen Zahl wird meine Korrektur nicht übernommen. Die Überprüfung der Zahl gelänge jedem, der eine Suchmaschine bedienen kann. Sie ist unzweifelhaft. (Nein. Ich verlinke den Artikel nicht. Warum wohl?)

Dienten die Relevanzkriterien wirklich der Qualität, müsste man Artikeln “Zeit zum Reifen” geben. Man könnte sie als unausgereift kennzeichnen. Man könnte so vieles machen. Vorschläge finden sich im WWW reichlich. Aber im Akkord löschen…? Michael Stehmann: “Löschen ist Bücherverbrennen im Internetzeitalter.”

Gelöschte Artikel lassen sich nicht mehr verbessern – nur noch neuschreiben. Aber doch nicht für den virtuellen Papierkorb? Mir wurde schon ein Artikel gelöscht, während ich noch nach weiteren Quellen suchte. Es war mein letzter neuer Artikel bei der deutschsprachigen Wikipedia. Seitdem bevorzuge ich die englische Version. Ich will die wenige Zeit, die ich zum Schreiben noch habe, nicht im formalistischen Irrgarten eines Vereins verbringen, der mir inzwischen erheblich zu Deutsch geworden ist.

Die vandalierenden Lösch-Admins haben einen “BILD-Zeitungs-Effekt” erzielt: Die Seite “Löschdiskussion” hat enormen Leserzulauf bekommen. Relevanter wurde sie dadurch nicht.

Einerseits meldet Ihr, dass Ihr immer weniger Autoren habt, andererseits ekelt Ihr sie weg. Selbst wenn Ihr mit all Euren Begründungen Recht haben solltet, es hilft Euch nix: Ihr sitzt in einer selbstgebastelten Abwärts-Spirale.

Warten wir ab, ob die oben genannten Veranstalter weiterhin so freundlich sind, der Wikimedia Foundation Platz für ihren Messestand zu gewähren. Bei mir bekämen sie ihn. Ganz hinten, beim Klo. Es sage niemand, das sei nicht relevant!

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